Die Weihnachtsgeschichte in der Bibel

Die Weihnachtsgeschichte in der Bibel: Über ihre Wunder und ihren Realismus von: Roland Spur (etwas verkürzt)

Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte voller Wunder. Aber auch eine mit vielen höchst „realistischen“ Hinweisen. Nur wer sie wahrnimmt, dem erschließt sich das Wunderbare Stille Nacht. Heilige Nacht.Und keine Schüsse, weder aus Gewehren, Kanonen oder Handgranaten, kein Artilleriefeuer. Alles schläft, auch das Arsenal an der Front. Friedliches Schweigen der Waffen. Dabei spielt ein Lied eine Rolle. Man konnte es beiderseits der Front hören,Silent Night, Stille Nacht– und ein Wunder geschieht. Der Weihnachtsfrieden 1914, sogar über die Gräben wird gemeinsam gefeiert. Statt Stahlgewittern Freundlichkeit. Viele Soldaten haben mitgemacht bei dem Wunder. Enthusiastisch und voller Siegesgewissheit waren sie August ’14 in den Krieg gezogen, hatten an ihre Züge „An Weihnachten sind wir zurück!“ geschrieben. Strahlender Blick und Lachen in die Kamera. Falsch gedacht. Beschert wird ihnen ein jahrelanger Stellungskrieg. Waffenstillstand an Weihnachten 1914, ein Wunder. Das gilt auch für die Weihnachtsgeschichten in der Bibel.

Wunder und Realismus – wie passen die zusammen?

Die Weihnachtsgeschichte der Bibel erzählt von lauter Wundern.Aber eben nur denen, die bereit sind, Bibel anders zu lesen, nämlich gerade mit ihren Hinweisen auf Realismus. Dazu lädt sie uns selbst ein mit dem Was-wer-wann-wo: „Gebot vom Kaiser Augustus, Schätzung, Statthalter in Syrien.“ Also kein Fake.

Hören wir genauer hin und kriechen in die Texte, suchen ihre Spuren. Nehmen wir mit ihren Andeutungen das Leben, die Kultur, also ihre Umwelt mit auf. In zwei Evangelien, bei Matthäus und Lukas, gibt es besagte Spuren. Mit ihren historischen Notizen wollen die Wunder wahrgenommen werden: Sie sind Schlüssel. Jesu Geburt ist ein Wunder, sagen beide. Keine Kindergeschichten. Keine Idylle, eher brutal realistische Dinge, schwer auszuhalten. Die Bibel mutet sie uns zu.

Lukas 2: Josef flüchtet mit einer hochschwangeren Maria. Ein Risiko. Wer macht so etwas? Lukas deutet seine Antwort sehr schonend an. Um sie deutlicher zu verstehen, muss man dazulernen, sich schlau machen lassen. Denn vieles fehlt. Auf den ersten Blick.

Geldgier, Gewalt und Abschreckung

Die Steuerschätzung der Römer in Galiläa führte zu schwersten Unruhen. Nicht nur wegen der mit Folter erpressten Angaben. Blut und Gewalt sind da kein Wunder. Augustus lässt seine neue Steuererhebung von Statthaltern durchführen. Die sind verantwortlich. Der in Syrien hat den Ruf, dass er als armer Mann in das reiche Syrien kam, als Reicher hat er ein armes Syrien verlassen. Judäa gehört zu Syrien.

Wer sich gegen Willkür, Raub, Diebstahl und diese Steuer wehrt, ist für Römer ein Terrorist, wird gepfählt, geköpft, gekreuzigt oder anders hingerichtet. Maria wird das unterwegs gesehen haben. Das Land ist Eigentum Gottes, sagt der Widerstand, es ist Israel zur Nutzung übergeben. Diese „allererste Schätzung“ der Römer ist mehr als Geldgier, Gewalt und Abschreckung. Sie verstößt gegen das Erste Gebot, sie ist Gotteslästerung, die können wir auch deshalb nicht dulden: Widerstand gegen die Römer mit allen Mitteln.

Volkszählung und Aufruhr

Marias Lobgesang, das Magnifikat(Lukas 1, 46-55), aus zehn Zitaten der hebräischen Bibel komponiert, ist ein Wunder. Ich höre es gern, im Weihnachtsoratorium, in anderen Vertonungen auch. Ich kann es gar nicht anders hören als ein Flehen und Gebet der Zeloten oder der als Sikarier diffamierten Galiläer von damals. Sie traten während der Steuerschätzung damals in Erscheinung, unter Führung eines Yehuda, eines Ioudas Galilaios oder lateinisch: des Judas Galiläus.

Nachzulesen bei Lukas, Apostelgeschichte, 37: „Danach stand Judas der Galiläer auf in den Tagen der Volkszählung und brachte eine Menge Volk hinter sich zum Aufruhr; und der ist auch umgekommen und alle, die ihm folgten, wurden zerstreut und vernichtet.“

„Volkszählung“ ist eine krasse Verharmlosung. Diese jedenfalls war keine Statistik fürs Einwohnermeldeamt, kein nur bürokratischer Akt. Schreie, Blut, Brände, Brutalität, Leichen, bürgerkriegsähnliche Bedingungen: Vor einer derart grauenhaften Kulisse und einem Kaiser Augustus, der sich göttlich verehren lässt als Retter, klingt liturgisch Vertrautes wie Marias Lobgesang doch ziemlich anderes.

Beim Vers „Du hast die Niedrigkeit deiner Magd angesehen“ im Magnifikat liegt die Betonung nicht auf „Magd“, sondern vor allem auf dem „dein“. Um diesen Geist geht’s: „Deine Dienerin bin ich. Niemand anderem gehorche ich als dir, Herr! Du unser Retter! Alles in mir jubelt vor Freude über dich, Gott! Ich bin nur deine geringste Dienerin, und doch hast du dich mir zugewandt, einer geringen, unbedeutenden Frau. Mich, mich werden von nun an alle Kindeskinder seligpreisen, jetzt und in allen Generationen, ja! Deine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die nur dich respektieren und keine faulen Kompromisse eingehen. Du übst Gewalt mit deinem Arm und zerstreust, die in ihres Herzens Sinn anmaßend und dünkelhaft sind und kein Gewissen haben. Jetzt hebst du deinen gewaltigen Arm und fegst die Stolzen weg samt ihren Plänen. Die Gewaltigen stößt du vom Thron und erhebst die Niedrigen, die Unterdrückten. Den Hungrigen hast du die Hände mit Gutem gefüllt. Die Reichen hast du mit leeren Händen fortgeschickt. Du hast dich deines Dieners, des Volkes Israel, angenommen, weil du dich an das erinnerst, was du unseren Vorfahren, Abraham und seinen Nachkommen, zugesagt hattest, dass du nie aufhören wirst, ihnen Erbarmen zu erweisen, in Ewigkeit. Amen!“

Klingt denn Marias Magnifikat nicht wie ein Gloria, Credo und Sanctus biblischer Befreiungstheologie? Wenn man Marias Lobgesang einmal so liest, erscheint sie als eine Sympathisantin der Sache der Zeloten. Josef auch. Jesu Brüder werden allesamt Vornamen der Widerstandsleute tragen. Alles Zufall?

Bethlehem als sicherer Ort

Josef muss seine Maria in Sicherheit bringen. Und bloß nicht über die Hauptverkehrsachse hinauf nach Bethlehem. Lieber nicht bequem der Scharon-Ebene entlang und parallel zur Küste. Da sind die Städte – und die vielen Kontrollen. Der Weg durchs Bergland ist sicherer, dafür mit den ewigen Kletterpfaden extrem anstrengend. Jedenfalls ist man so raus aus Galiläa, wo bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. So beschwerlich es unterwegs auch sein mag, Bethlehem ist sicherer. Falls er auf dem strapaziösen Weg doch denunziert wird, kann Josef glaubhaft sagen: „Ich muss zurück zu meinen Wurzeln: Geburt in der Heimat, Sie wissen schon, Familie, lange ausgemacht.“

Die Hirten, die draußen in der Umgebung Bethlehems leben, die halten zu ihm. Ihnen kann Josef trauen. Während ein Hirte nachts seine Herde bewacht, kommt ein Bote und beruhigt ihn: „Fürchtet euch nicht! Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich bringe eine gute Nachricht: Heute ist euch in Davids Stadt ein Retter geboren worden, der Messias. Das Zeichen, an dem ihr den Neugeborenen in seinen Windeln erkennt: Er liegt in einer Futterkrippe! In einem Stall.“ Auf einmal klang es wie das Echo des Himmels: „Groß ist Gottes Herrlichkeit. Sein Frieden ist auf die Erde herabgekommen, zu Menschen, die er erwählt hat und liebt! Auf Erden sei Friede!“ Aus Leuten mit miesem Image, „Banditen“ – Menschen buchstäblich „am Rand“, werden Personen der Heilsgeschichte. Ausgerechnet die!

Die Legende von drei Königen

Jedes Buch, jeder Bericht der Bibel, verfolgt eine bestimmte Absicht, so wie Lukas mit den von ihm geschilderten höchst riskanten Umständen. Ähnlich macht es Matthäus, nur setzt er seinen Akzent anders. Ihm ist interreligiöser Friede wichtig. Friede auf Erden darf nicht kleinlich zerredet werden mit abenteuerlichen Gedanken. Nationalismus wäre Gift für Weihnachten, er würde Weihnachten nicht nur stören, sondern zerstören. Das „Friede auf Erden“ würde er kaputtmachen.

Was tut Matthäus dagegen? Er berichtet von ausländischen Besuchern an der Krippe, von Sterndeutern aus dem Morgenland. Er zählt sehr teure Geschenke auf, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Aus den Weisen wurden Könige. Wegen der Zahl drei bei den Geschenken ergeben sich im christlichen Brauchtum Legenden von drei Königen. Die Vermutung, dass die Weisen aus Persien kamen, ist nicht abwegig. In Italien gibt es eine Kirche, in der sie eigenartig abgebildet sind. Auf dem großen Mosaik sind diese drei mit bunten Brokatstoffen zu sehen. Exotische Kleidung tragen sie, Bortenhosen und spitze, kleine, feine Schuhe. Und auf dem Kopf sogenannte phrygische Zipfelmützen, Zeichen ihrer Herkunft aus dem Osten, aus dem Orient.

Als das Mosaik um das 5. Jahrhundert in der Kirche Sant’ Apollinare Nuovo in Ravenna entstand, muss solch ein Wissen existiert haben. In der Spätantike konnte man das Bild lesen und verstehen. An der Kleidung erkennt man den Mann.

Die Sterndeuter an der Krippe repräsentieren die ganze Welt. Matthäus erzählt bildhaft, dass Jesus von allen Völkern erwartet und als König begrüßt wird. Die Symbolik lebt fort. Nicht nur Kinder feiern da. Bei uns im Süden ist der 6. Januar ein geschützter Feiertag.

„Jesus als Flüchtlingskind“

Bei Matthäus flüchten Josef, Maria und Jesus auch, finden in Ägypten Asyl. So wächst Jesus auf: als doppeltes Flüchtlingskind. Flucht der Eltern aus Nazareth, unterwegs die Geburt in Bethlehem, Asyl in Ägypten, bis sich die Lage entspannt. Von dem Goldgeschenk gibt’s vermutlich keine Reliquien. Ausgegeben: Sie brauchen Gold als Fluchtgeld.

„Jesus als Flüchtlingskind“ ist beiden Autoren wichtig. Reiner Zufall?

Bei Jesu Geburt ereignen sich lauter Wunder, das sagen diese beiden Evangelien. Die anderen beiden Evangelisten, Markus und Johannes, brauchen das für die Architektur ihrer Evangelien nicht. Lukas sind sie wichtig, weil oder obwohl er eher mit dem Blick des politischen Journalisten erzählt, was sich im Vorfeld zur Krippe abspielt. Friede auf Erden? Den gibt’s nur mit Religionsfrieden, sagt Matthäus; daher sein Interesse an Interkulturalität. Der Besuch der Sterndeuter bedeutet: Jesus wird von den Völkern erwartet und als König begrüßt. Das ist Matthäus wichtig. Hier liegt sein Akzent. So legt er Frieden auf Erden aus.

Dass beide Perspektiven Eingang in die Bibel gefunden haben, ist selbst ein Wunder. Was für Gegensätze: Hirten und Spitzensterndeuter, Menschen am Rande der Gesellschaft und welche aus ihrem Zentrum, von „ganz oben“.

Weihnachtsfriede in Flandern 1914

War das „An Weihnachten sind wir wieder zu Hause“ 1914 nur so hingepinselt? In einem anderen Sinn ist es wahr, ganz anders als man sich’s gewünscht, erträumt hat. Enkel und Urenkel können es erkennen, vielleicht. Weihnachtsfriede in Flandern 1914 – wer ihn von unsern Groß- und Urgroßeltern erlebt hat, wird das kaum vergessen haben. In dieser Heiligen Nacht schweigen die Waffen, kein Kanonendonner: Stille Nacht, heilige Nacht.

Der Klang dieser Melodie über Schützengräben hinweg, Kindheitserinnerungen, die Bilder im Weihnachtslied, ökumenisch, transnational. Kultur hat Kraft. Die Sehnsucht nach Frieden, nach dem Reich Gottes, nach dem Friedensreich, das ist das „Zuhause“! Wenn Menschen so vertrauen könnten! Denn ein Wunder der Bibel ist dann ein Wunder, wenn man es an sich herankommen lassen kann.

Wir wünschen euch allen fröhliche und besinnliche Festtage