Luthers Turmstunde

Luthers Turmstunde. Luther war inzwischen Professor der Theologie in Wittenberg. In einer speziellen Nacht, es muss im Wintersemester 1512/1513 gewesen sein, hatte er wieder einmal schwere Anfechtungen.

Zunächst fand er Trost bei Staupitz, der ihm sagte, dass Anfechtungen zu einem richtigen Christenleben dazugehörten. Aber auch Staupitz konnte Luther nicht von dessen Glaubenskämpfen befreien. Luther muss damals einen sehr radikalen Kampf geführt haben, so dass er seinen Weg wohl allein zu Ende gehen musste.

Es ist ein Glücksfall, dass Luther ein Jahr vor seinem Tod die Stunde beschrieben hat, in der die Weichen für die Reformation gestellt wurden:
„Wiewohl ich als ein untadeliger Mönch lebte, verspürte ich doch unruhigen Gewis-sens, dass ich vor Gott ein Sünder sei und dass ich mich darauf verlassen könnte, durch meine eigene Genugtuung versöhnt zu sein.

Ich liebte nicht nur nicht – nein, ich hasste den gerechten Gott, der die Sünder straft. Nicht gerade mit stummer Läster-ung, sicherlich aber mit unermesslichem Murren entrüstete ich mich über Gott und sprach: als ob es nicht genug sei, dass die elenden Sünder, die auf ewig durch die Erbsünde verloren seien, mit aller nur denkbaren Not durch das Gesetz der Zehn Ge-bote bedrückt wären, habe Gott noch durch das Evangelium Schmerz auf Schmerz hinzugefügt und durch das Evangelium selbst uns seine Gerechtigkeit und seinen Zorn angedroht.

So tobte ich in meinem wilden und verwirrten Gewissen und bemühte mich ungestüm um jene Stelle bei Paulus, von der ich brennend gern gewusst hätte, was St. Paulus wolle. Bis Gott sich erbarmte und ich, der ich Tag und Nacht na-chgedacht hatte, den Zusammenhang der Worte begriff, nämlich: der Gerechte wird aus Glauben leben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen, durch die der Gerechte als durch ein Geschenk Gottes lebt, nämlich aus Glauben heraus.

Luthers Elternhaus, Mansfeld, DeutschlandUnd dass dies der Sinn sei: dass durch das Evangelium Gerechtigkeit Gottes offen-bart werde, nämlich eine passive, durch die Gott uns in seiner Barmherzigkeit durch Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: der Gerechte soll aus Glauben leben. Hier spürte ich, dass ich völlig neu geboren sei und dass ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten sei, und da erschien mir von nun ab die Schrift in einem ganz anderen Licht. Ich eilte durch die Schrift hindurch, wie es mein Gedächtnis hergab, und verglich in anderen Wörtern die Analogie, dass nämlich das Werk Gottes das ist, das Gott in uns tut, die Kraft Gottes, durch die er uns mächtig macht, die Weisheit Gottes, durch die er uns weise macht, die Stärke Gottes, das Heil Gottes, die Ehre Gottes.

Und so sehr ich die Vokabel Gerecht-igkeit Gottes gehasst hatte, so viel mehr nun hob ich dieses süße Wort in meiner Liebe em-por, so dass jene Stelle bei Paulus mir zur Pforte des Paradieses wurde.“ (Die „Stelle“ = Römerbrief 1,17: “Der Gerechte aber wird aus Glauben leben”)

Da sich Luthers Arbeitszimmer, die Stätte die-ser Entscheidung, wahrscheinlich im Turm des schwarzen Klosters zu Wittenberg befand, nennt man diese Stunde das Turmerlebnis Luthers.

Und diese Stunde war die Geburtsstunde der Reformation. Ohne das Turmerleb-nis gäbe es weder die berühmte Thesenverkündigung noch den Reichstag von Worms. Aus dem Ringen eines Einzelnen um Gott ist der gesamte Aufbruch der neu-en Zeit geboren.

Martin Luther wird in eine Zeit mit vielen Spannungen und Konflikten hineingeboren. Es ist die Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit. Dieses führt zu Unruhe und Lebensängsten im einfachen Volk. Bruderschaften und Bußprediger ziehen durchs Land und verkünden das Ende der Welt.

-Erfindungen:
1450:Neues Buchdruckverfahren von Gutenberg
1492:1ste Globus und Kolumbus’ Amerikareise
1500:Heliozentrische Weltbild von Kopernikus
1519-1521: Erste Erdumsegelung

Luther hatte Kirchentreue, aber nicht besonders fromme Eltern: Hans und Margarethe, geb. Lindemann. Hans arbeitete als Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau. Er war auch Bauer, Bergman, Mieneneigner und Ratsherr.

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